Biographisches

1970 – Volkstheater Köln „Der Wahre Anton“

Die Initiatoren und Konzeptionisten für dieses damals noch völlig neue und außergewöhnliche Theaterprojekt waren:
• Dr. Erasmus Schöfer († 2022), Schriftsteller und Mitbegründer des „Werkkreises Literatur der Arbeitswelt“, Autor zahlreicher Hörspiele und Erzählungen; wichtigstes Werk die Romanquattrologie „Kinder des Sisyfos“ über die Studenten- und Arbeiterbewegung zwischen 1968 und 1985.
• Heinrich Pachl († 2012): Schauspieler, Regisseur, Autor, Aktionist, Filmemacher und als Kabarettist bekannt geworden mit seinen Programmen „Absahnierung“ und „Homo Blech“.
Zur ersten Gruppe gehörten noch Christiane Bruhn, Schauspielerin und spätere Leiterin des Theaters „Der Keller“ in Köln, Thymian Pachl, Malerin, Meisterschülerin von Beuys und Schauspielerin sowie Hugo Stirnemann, seinerzeit Dekorateur, Requisiteur und Bühnenarbeiter. Nach Weggang von Schöfer und Bruhn stießen Michael Mieritz und Heiner Taubert zu uns, nach deren Weggang kam Bruno Eckart († ca. 1995), genannt ECK, der Sänger und Liedermacher zu uns; einer der ersten Hausbesetzer des Berliner Rauchhauses.

Das erste Stück „Der wahre Anton“, hauptsächlich von Erasmus Schöfer und Heinrich Pachl geschrieben, handelte vom Wiederaufbau der BRD nach 1945 – von der Währungsreform, vom Wirtschaftswunder, vom neuen Betriebsverfassungsgesetz und von der Herstellung des „Mehrwerts“. Der schmissige Untertitel lautete „Eine Geschichte der Bundesrepublik in sieben Schöpfungstagen“.
Nach dem Ausstieg Schöfers erarbeitete Heinrich ein wunderbares Konzept für die gemeinsame Schreibarbeit. Auf diese Weise ist dann sehr bald im Auftrag der IG Chemie ein Lehrlingsstück entstanden, „Ein neuer Besen kehrt in DM-City“, viele Male zu gewerkschaftlichen Schulungszwecken aufgeführt.
Als Volkstheater Köln „Der Wahre Anton“ machten wir schließlich das Stück „STREIK“ über die Vorgeschichte, den Streik und die Werksbesetzung von Ford Köln 1973, in dem die unterschiedlichen linken, politischen Strategien Hintergrund der Auseinandersetzungen zwischen den Arbeitern an den Bändern, in den Hallen und auch im familiären Kreis sind. Sozialdemokratische „Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand“, gewerkschaftliche Abwiegelei versus spontanen Streik der emigrantischen Arbeiter und linke Utopien von der nahenden Revolution.
Über dieses Stück kommentierte die „Badische Zeitung“ anlässlich eines Gastspiels in Freiburg: „Brecht hätte seine Freude gehabt…“ und nach einem Gastspiel beim Polit-Theater-Festival in Bern schrieb die „Weltwoche“: „Dieser Wahre Anton könnte der wahre Anton aller werden …“
Als letzte gemeinsame Produktion erstellten wir anlässlich des Militär-Putsches in Chile 1973 gegen den gewählten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende und die Unidad Popular das Stück „CHILE“. Angeregt hatte dazu Daniel Cohn-Bendit, der daran mitschreiben wollte, dann aber nichts mehr von sich hören ließ.

Aufmerksamkeit erregten wir bereits von Anfang an. Thymian Pachl hatte für unsere Straßentheaterszenen riesige Puppen hergestellt, mit denen wir schon 1971 vor Fabriktoren (in Köln bei Ford, Felten&Guilleaume und Klöckner-Humbold Deutz, bei Opel in Bochum und vor den Toren der Chemischen Industrie und Raffinerie in Köln-Godorf) auftraten. Bereits mit unserem anspruchsvollen ersten Stück, für das wir Baugerüste verwendeten, auf deren Brettern wir die verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen bespielten, waren wir zum ersten deutschen Straßentheaterfestival in Braunschweig eingeladen sowie zur EXPERIMENTA I in Frankfurt. Das Lehrlingsstück spielten wir in etlichen gewerkschaftlichen Schulungsheimen und in Häusern der Offenen Tür, neu entstandenen Jugendzentren und sonstigen Clubs. Mit STREIK gingen wir wieder vor die Fabriktore, u. a. bei Daimler-Benz in Berlin, wo wir mithalfen, die Aussperrung der streikenden Arbeiter zu beenden. Dann wurden wir sogar zu gewaltigen Betriebsversammlungen eingeladen, zu Opel nach Rüsselsheim, zu BMW nach München. Schließlich spielten wir auch in Kleintheatern in Bern, in Freiburg und in Berlin (wo mir im Theater in Kreuzberg Bruno Ganz auf Knien seine Bewunderung aussprach). Und überall in der BRD spielten wir in republikanischen Clubs sowie in überfüllten Uni-Aulen.

Diese fünfjährige Theaterarbeit hat meinem Leben die entscheidende Wende gegeben. Sowohl die grandiosen Erfahrungen der ersten Jahre als auch die bittere Enttäuschung über das Ende des Projektes haben mein weiteres Leben geprägt.

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